Die Wahrheit über uns

Vor kurzem habe ich einen Gastartikel für den Blog Kinderhaben.de geschrieben. Dabei ging es um unser Leben mit Baby, dass zugegebenermaßen ein bisschen anders ist als das der Familie Normalo. Beim Schreiben wurde ich nachdenklich. Ich dachte über unser Leben nach und warum wir so sind, wie wir sind. Dabei kamen mir so viele Gedanken, die ich unbedingt festhalten musste.

Achtung: Im folgenden Text geht es rein um UNS. Um unser Leben und unsere Einstellung. Wir verurteilen weder andere Lebenseinstellungen noch möchten wir mit diesem Text andere zu irgendetwas überzeugen. Wir möchten einfach, dass ihr uns besser kennenlernt, und dem ein oder anderen unsere Beweggründe erklären. Manchmal haben wir nämlich das Gefühl, Freunde und Verwandte wissen gar nicht so recht, wer wir sind. Aber lest selbst:

Immer wenn wir jemand Neues kennenlernen und unsere Art zu Leben erklären, schauen uns die Menschen ungläubig mit großen Augen an. Drei Jahre reisen? Im Auto leben? Kein fester Wohnsitz? Schwanger beim Backpacken? Wir werden oft gefragt, warum. Warum reisen wir ständig, warum können wir uns nicht niederlassen, warum haben wir mit Anfang 30 keine Doppelhaushälfte und feste Jobs. Kurz: Warum sind wir so, wie wir sind. Über diese Fragen nachzudenken, ist für uns auch immer wieder eine Art, sich mit uns selbst zu beschäftigen. Aber es ist schwer, darauf in zwei Sätzen zu antworten. Oft müssen wir uns rechtfertigen. Ich versuche heute, unsere Gedanken nieder zu schreiben. Dafür müssen wir viele Jahre zurückgehen.

Es ist immer grausam, wenn jemand stirbt. Vor allem, wenn es noch viel zu früh ist. Vor 9 Jahren ist mein Cousin mit nur 25 Jahren von uns gegangen. Das war schrecklich. Trotzdem haben alle irgendwann einfach weiter gemacht. Es blieb uns ja nichts anderes übrig, oder? Ich jedenfalls dachte zum ersten Mal so richtig über mein Leben nach. Will ich so leben, wie ich es gerade tue? Bin ich glücklich mit dem, was ich tue? Ich befand mich mitten im Studium. Hals über Kopf stürzte ich mich voll ins Studentenleben, nahm jede Party mit und feierte bis zum Morgengrauen. Es könnte ja irgendwann vorbei sein. In dieser Zeit lernte ich Robert kennen. Von Anfang an wussten wir, dass wir seelenverwandt sind – und zusammen auf Reisen gehen wollen. Irgendwie reizte uns beide unabhängig voneinander der Gedanke, Abenteuer zu erleben und aus dem normalen Alltag auszubrechen. Tief in uns war der Wunsch, das Verlangen, frei zu sein.  Unsere verschiedenen Lebensstationen haben es uns am Anfang aber nicht erlaubt. Ich stand kurz vorm Beenden meines Studiums, Robert fing seins gerade erst an. Wir zogen zusammen nach Berlin und waren mitten im Alltag gefangen. Wir hatten eine schöne Wohnung, ich arbeitete in der Berliner Mode Start up Szene und in einer PR Agentur. Wir hatten einen coolen Freundeskreis und gingen jedes Wochenende feiern, tanzten in Clubs, shoppten nach der Arbeit, tranken unser Feierabendbier in Berlins Hipster Bars. So vergingen die Jahre. Ob wir glücklich waren? Ich glaube, über diese entscheidende Frage haben wir uns zu dieser Zeit gar keine Gedanken gemacht. Wir waren viel zu sehr mit den kleinen Fragen des Alltags beschäftigt: Wo gehen wir am Wochenende feiern/Was ziehe ich morgen ins Büro an/ Die Sbahn hat schon wieder Verspätung/ Der Kollege nervt/ Das Projekt hat bald Deadline/ Facharbeiten müssen geschrieben werden/ Stoff für die Prüfung gelernt werden. Im Nachhinein glaube ich trotzdem: Wir fanden es toll. Toll in der großen Stadt zu leben, in Clubs und Bars abzuhängen und zu arbeiten. Für den Moment. Darin verloren wir uns, vergaßen ein kleines aber feines Detail: uns selbst. Wollen wir das? Ganz tief in uns war er noch da: der Wunsch zu reisen, Abenteuer zu erleben, auszubrechen. Wir hatten es nur vergessen.

Dann kam das Jahr 2012. Das Jahr, das alles veränderte. Robert beendete sein Studium und wir wagten es: Ein Jahr Work and Travel in Australien. Das veränderte alles. Aus einem Jahr wurden anderthalb Jahre. Wir lebten frei, in den Tag hinein, ohne Alltag und Verpflichtungen, ohne Plan. Waren 24/7 zusammen. Waren glücklich. Wir lernten, mit wenig Besitz und wenig Geld auszukommen. Wir tauchten in fremde Kulturen ein. Genossen unvoreingenommene Gastfreundschaft. Erlebten die dunklen Seiten des Tourismus. Wurden Opfer von Vorurteilen. Wurden mit offenen Armen empfangen und mit fluchenden Gesten weggeschickt. Sahen unvorstellbare Armut und unermesslichen Luxus. Wurden Zeugen von der voranschreitenden Zerstörung unseres Planeten, Müllbergen und Umweltverschmutzung.

Vor allem unsere Zeit auf der mindful farm in Thailand (darüber berichtet habe ich z.B. hier) hat uns sehr geprägt. Unsere Art zu Denken änderte sich. Wir lernten zu meditieren, bewusst und achtsam im Alltag zu leben.

Das alles veränderte uns.

Im Sommer 2014 kamen wir nach Deutschland zurück.  Aber wir waren nicht mehr dieselben.

In uns hatte sich etwas einschneidend verändert. Wir hinterfragten viel: unser Leben. Die Gesellschaft. Den Konsum. Diese Welt, in der wir leben. Alles. Wir wurden kritische Konsumenten. Die Menschen kamen uns vor wie ferngesteuerte Roboter. Wir hatten so viel Zeit in der Natur verbracht, und plötzlich ging es nur noch darum, Geld zu verdienen und es wieder auszugeben. Und für was? Für unnütze Dinge, die man sich anschafft, in die Wohnung stellt und die man eigentlich doch gar nicht braucht? Für uns ist weniger mehr. Wir halten nichts von teuren Autos, großen Häusern, den neusten Elektronikshit. Macht das wirklich glücklich? Wir sind während unserer Reise mit so wenig ausgekommen, und andere Menschen besitzen fast nichts. Wir wollen nicht andauernd materielle Dinge anhäufen und uns dann in ihnen verlieren.

Wir beschlossen auch, bewusst und nachhaltig zu leben. Wir machten uns viele Gedanken über unsere Ernährung, unser Essen, wo es her kommt. Wir fühlen uns wie in einer künstlichen Blase, in der wir leben und nicht mehr sehen, wo unsere Nahrung her kommt und was drin ist. Wir stellten schließlich unsere Ernährung um. Jetzt essen wir überwiegend vegan.

Alles fühlte sich gut und richtig an. Bis wir in eine kurze Depression fielen. Sollte es jetzt alles einfach so vorbei sein? Sollen wir uns jetzt niederlassen, ein Haus bauen, Kinder kriegen, brav angestellt sein und zwei Wochen im Sommer alle zusammen in den Urlaub fahren? Nein, das sind wir nicht. Uns wurde schnell klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Dafür waren wir schon viel zu lange „draußen“.

Seitdem ist viel passiert. Ein halbes Jahr jobben, ein halbes Jahr Südamerika. Jetzt haben wir wieder einen festen Wohnsitz. Einen Job. Ein Kind. Äußerlich sind wir wieder drin. Ganz ohne Geld geht es nun mal (noch?) nicht. Innerlich versuchen wir uns immer wieder mit dem System zu arrangieren. Für den Moment. Unsere Einstellung, unsere Gedanken sind die gleichen wie kurz nach der Reise. Wir wollen Zeit miteinander verbringen, als Paar und als Familie. Wir definieren uns nicht darüber, was wir beruflich leisten. Erfolg und Geld machen nicht glücklich. Uns jedenfalls nicht. Wir wollen nicht, dass einer den ganzen Tag arbeitet, während der andere zuhause sitzt, nebeneinander her leben und nur abends und am Wochenende ein paar gemeinsame Stunden, womöglich noch vor dem Fernseher, verbringen. Viel zu sehr, viel zu oft leben wir einfach vor uns hin. Gehen arbeiten, machen Urlaub, treffen uns mit Freunden. Und schwups, ist wieder ein Jahr vorbei. Sind wir dabei wirklich glücklich? Machen wir das, was wir wollen, oder das, was die Gesellschaft von uns erwartet? Vielleicht denken wir nicht mal mehr darüber nach, weil es so normal geworden ist. In Thailand haben wir gelernt, achtsam durch den Tag zu gehen. Zurück in Deutschland versuchen wir, dies so gut wie möglich anzuwenden. Wir fragen uns jede Woche: Bin ich gerade glücklich, so wie ich lebe? Wenn nicht, ändern wir etwas. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um nicht richtig gelebt zu werden. Wie sagte schon eine weise Familie: Der Sinn des Lebens ist leben.

Und was das Reisen angeht: Das ist für uns im Moment die beste Methode, unser Leben zu leben. Sich immer wieder neu zu testen, zu wachsen, sich weiterzuentwickeln. In einer fremder Umgebung zu sein, und mit Situationen konfrontiert zu werden, die eben nicht zum Alltag gehören. Den ganzen Tag zusammen zu sein. Mit allen guten und schlechten Zeiten, die dazu gehören. Wir lieben das Reisen. Auch wenn es zurzeit nicht nomadenmäßig dauerhaft stattfindet. Wie wir das alles mit unserer kleinen Frida meistern, wird sich zeigen. Alles wird kommen, wie es kommen soll.

  7 comments for “Die Wahrheit über uns

  1. Alexa
    16. September 2016 at 11:34

    Amazing how you speak free away from your soul and how clear I can see myself in every single word! Thank you guys for being as amazing as you are!

  2. Annika Rojas Gonzalez
    16. September 2016 at 12:05

    Ach Julia, so schön! Ich schwanke irgendwie zwischen diesem “absolut frei sein” und ein normales Leben zu haben. Aber es wird schon alles kommen, wie es kommen soll! Es muss ja nicht schwarz oder weiß sein, vielleicht kann man sich auch mit einem Haus auf dem Land mit Heimarbeit, vielen Reisen und lieben Freunden ein glückliches Leben aufbauen. <3

    • Julia
      16. September 2016 at 14:08

      Danke Annika…ja, das stimmt und ja, dieser Mix aus beiden Welten klingt traumhaft. Die Zeit wird zeigen, wo es uns alle hintreibt… 🙂

  3. Ingrid
    18. September 2016 at 16:00

    Hallo Julia, ich bin tief bewegt von Deinen Zeilen. Du hast so recht, im Streß
    vergißt man das Wichtigste:
    Die Frage nach dem eigenen Leben, was will ich ? was macht mich glücklich ?
    Ich bin Dir so dankbar, dass Du mir gezeigt hast durch Medititation Ruhe zu finden,
    bewußter zu essen, anders zu leben, mehr an die Umwelt zu denken.
    Ich wünsche mir, daß viele Menschen Deinen Blog lesen und sich wieder mal Zeit
    nehmen über ihr Leben nachzudenken. Deine Oma Ini

  4. theresa
    19. September 2016 at 11:09

    Sehr sehr schön geschrieben Jule.
    Ich empfinde das alles auch so, hätte man nicht besser schreiben können:)
    Alles kommt wie es kommen soll und nichts passiert ohne grund <33333

  5. Katja
    12. November 2018 at 21:33

    Ich bin gerade erst auf euren Blog gestoßen, du schreibst wunderbar und dieser Artikel “die Wahrheit über uns” hat mich sehr gefesselt. Man kann eure Gedanken total nachvollziehen und ihr seid sehr inspirierend!

    • Julia
      29. November 2018 at 19:49

      Ich danke dir liebe Katja. Ich freue mich, dass wir dich mit unseren Gedanken inspirieren können 🙂

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